Kolumne von Alain Grand
Die Vollversicherung war für viele KMU in der Schweiz über Jahrzehnte die Standardlösung in der beruflichen Vorsorge. Garantierte Leistungen, maximaler Schutz vor Marktrisiken und eine Verwaltung, die vollständig beim Versicherer liegt – diese Argumente überzeugten lange Zeit. Doch die Voraussetzungen haben sich verschoben: steigende Lebenserwartung und ein immer engeres regulatorisches Korsett erschweren es den Lebensversicherern, die erforderlichen Renditen für ihre Garantien zu erwirtschaften. Viele Anbieter reagieren darauf mit höheren Risikoprämien oder einer strengeren Selektion bei der Aufnahme neuer Betriebe.
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Im Bild: Alain Grand, Fachleiter Vorsorge bei Tellco
Sicherheit hat ihren Preis
Wer eine Vollversicherung abschliesst, lagert das Anlagerisiko vollständig aus. Die Versicherung muss die Altersguthaben konservativ anlegen und entsprechende Kapitalreserven aufbauen. Das senkt die Schwankungen, führt aber zu einer tiefen Aktienquote und begrenzt damit die Ertragschancen. Gleichzeitig steigen die Prämien, weil der Versicherer für die garantierten Leistungen risikogewichtetes Eigenkapital hinterlegen muss. Gerade Unternehmen mit älterer Belegschaft oder höherem Risikoprofil spüren das: Sie bezahlen mehr Prämien, obwohl die Leistungen identisch bleiben. Zudem akzeptieren immer weniger Versicherer solche Kollektive oder schliessen ganze Branchen aus.
Der Markt reagiert mit Selektion
Das Umfeld zwingt viele Vollversicherer zu einer strengeren Risikoselektion. Neuabschlüsse werden vermehrt abgelehnt oder nur zu hohen Kosten angeboten; teilweise ziehen sich Anbieter sogar ganz zurück. Besonders Betriebe mit komplexen Strukturen – etwa unregelmässigen Arbeitszeiten, hoher Fluktuation oder vielen älteren Mitarbeitenden – geraten ins Abseits. Für sie ist die Vollversicherung heute teurer und weniger leicht verfügbar. Ein Anspruch auf Aufnahme besteht nicht.
Sammelstiftungen: Flexibilität und Verantwortung
Teilautonome Sammelstiftungen sind anders organisiert. Sie legen das Vorsorgevermögen selbst an, während die Invaliditäts- und Todesfallrisiken bei einer Versicherung rückgedeckt sind. Dank freier Wahl der Anlagestrategie können sie breit diversifizieren und Chancen an den Kapitalmärkten nutzen. In guten Jahren profitieren die Versicherten von einer höheren Verzinsung, in schlechten Jahren trägt das Unternehmen zusammen mit den Versicherten das Anlagerisiko. Entscheidend ist deshalb eine solide Finanzierung und ein professionelles Risikomanagement, wobei das Verhältnis zwischen aktiven Versicherten und Rentnern von besonderer Bedeutung ist: Ein tiefer Anteil an Rentnerinnen und Rentnern deutet auf eine robuste Struktur hin.
Worauf Unternehmen bei der Wahl achten sollten
Beim Vergleich der Modelle sollten KMU weniger auf Schlagworte und kurzfristige Renditen achten, sondern auf die langfristige Stabilität. Wichtige Kriterien sind:
- Versichertenstruktur: Das Verhältnis zwischen aktiven Versicherten und Rentnerinnen und Rentnern ist ein wichtiger Stabilitätsindikator. Viele aktive Beitragszahler und wenige Pensionierte bedeuten höhere Risikofähigkeit.
- Kosten- und Risikoprämien: Bei Vollversicherungen steigen die Risikoprämien, weil der Versicherer mehr Kapital für Garantien vorhalten muss. Sammelstiftungen sind oft kostentransparenter, verlangen aber von den Unternehmen, Wertschwankungen des Vorsorgevermögens mitzutragen.
- Leistungsniveau: Alters-, Invaliditäts- und Todesfallleistungen müssen zu den Bedürfnissen der Belegschaft passen. Auch das Modell der Verzinsung und allfällige Sanierungsbeiträge sollten klar geregelt sein.
- Deckungsgrad und Finanzierung: Ein hoher Deckungsgrad und ausreichende Wertschwankungsreserven zeigen, dass eine Pensionskasse Krisen überstehen kann.
Was heisst das für Unternehmen?
Die Vollversicherung bleibt für Betriebe mit sehr tiefem Risikobudget und starkem Bedürfnis nach Garantien eine nachvollziehbare Lösung. Gleichzeitig wird sie unter den heutigen Rahmenbedingungen anspruchsvoller: Die Kosten steigen, die Rahmenbedingungen werden strenger und die Aufnahme neuer Kollektive erfolgt vielerorts selektiver.
Für viele KMU ist es deshalb sinnvoll, teilautonome Sammelstiftungen konsequent in die Evaluation einzubeziehen. Sie bieten eine professionelle Vorsorgelösung mit mehr Flexibilität – besonders für Betriebe mit häufigen Ein- und Austritten, Teilzeitmodellen oder stark schwankenden Löhnen.
Entscheidend ist am Ende nicht das Etikett, sondern ob die Lösung zur Firma passt: Kosten, Leistungen, Stabilität und die Struktur der Belegschaft müssen stimmen, damit die Lösung auch in den nächsten Jahren tragfähig bleibt.
Biografie
Alain Grand verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der beruflichen Vorsorge. Mit seiner Expertise und seinem breiten Netzwerk prägt er bei Tellco die Gestaltung zukunftsorientierter Vorsorgelösungen.
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